Für eine demo­kra­ti­sche Uni­ver­si­tät in auto­ri­tä­ren Zei­ten — IfS Stel­lung­nahme zu den Kür­zungs- und Reor­ga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­sen an der Goe­the-Uni­ver­si­tät

Lange genug hat die Professor:innenschaft geschwie­gen zur neuen For­mie­rung der
„unter­neh­me­ri­schen Uni­ver­si­tät“. Nicht nur, aber eben auch an der viel geprie­se­nen
„Geburts­stätte Kri­ti­scher Theo­rie“ in Frank­furt am Main. Die nicht unwe­sent­li­chen Rest­be­stände
pro­fes­so­ra­ler Auto­no­mie, der am Ende immer mög­li­che Rück­zug auf die grund­ge­setz­lich
ver­bürgte „Frei­heit von For­schung und Lehre“, hatte es nahe­ge­legt, sich auf die eigene Arbeit
zurück­zu­zie­hen – sei es nun daheim in der Schreib­werk­statt oder beim Kampf um Dritt­mit­tel, im
Feld der grund­stän­di­gen Lehre oder auf der Suche nach Öffent­lich­keits­wirk­sam­keit. Die
unver­kenn­ba­ren Fehl­ent­wick­lun­gen im Hoch­schul­we­sen lie­ßen sich so oder so leid­lich igno­rie­ren:
die fort­schrei­tende Büro­kra­ti­sie­rung der beruf­li­chen Pra­xis, die skan­da­löse Pre­ka­ri­sie­rung der
wis­sen­schaft­li­chen und admi­nis­tra­ti­ven Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse, die Ero­sion der
Grund­fi­nan­zie­rung zuguns­ten von „Leucht­turm­pro­jek­ten“, die Abwer­tung von Stu­die­ren­den zu
Fak­to­ren der betriebs­wirt­schaft­li­chen Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung, die for­cierte Ero­sion der Ein­heit
von For­schung und Lehre, die schon rou­ti­ni­sierte Unter­mi­nie­rung aka­de­mi­scher
Selbst­ver­wal­tung.

In den letz­ten Mona­ten haben sich die Ver­hält­nisse an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, und zumal an
der Goe­the-Uni­ver­si­tät, nun in einer Weise zuge­spitzt, die wei­te­res pro­fes­so­ra­les Schwei­gen nur
noch um den ganz offen­sicht­li­chen Preis wahl­weise der Selbst­auf­gabe oder aber der
Rea­li­täts­ver­leug­nung mög­lich macht. Die hes­si­sche Lan­des­po­li­tik hat den Hoch­schu­len ein
selek­ti­ves Spar­dik­tat ver­ord­net, das jeden­falls an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Form von prä­si­dia­len
Kür­zungs­zwän­gen pro­zes­siert wird, die mit ihren Haus­halts- und Stel­len­sper­ren die bis­he­rige
Geschäfts­grund­lage des aka­de­mi­schen Betriebs in Frage stel­len. Das Prä­si­dium der GU
ver­schärft diese ohne­hin fun­da­men­tale Pro­blem­lage nun durch die Ankün­di­gung einer
grund­le­gen­den Orga­ni­sa­ti­ons­re­form, bei der am „schöns­ten Cam­pus Euro­pas“ kaum ein Stein
auf dem ande­ren blei­ben soll. Effi­zi­enz­ge­winne ver­spricht man sich offi­zi­ell von die­sem Schritt,
der – so der Plan – die Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät in den nächs­ten fünf Jah­ren auf Trab hal­ten und in
Form brin­gen soll. Wir ste­hen vor einer Tabula Rasa hin zur fach­lich ent­kern­ten, gera­dezu
wis­sen­schafts­feind­li­chen lean uni­ver­sity. Mitt­ler­weile Jahr­zehnte der Ein­sicht in die soziale und
kul­tu­relle Dys­funk­tio­na­li­tät öko­no­misch getrie­be­ner, top-down betrie­be­ner
Unter­neh­mens­re­or­ga­ni­sa­tion igno­rie­rend oder leug­nend, meint das Prä­si­dium sich mit ver­al­te­ten
Lehr­bü­chern ent­lie­he­nen Manage­ment­stra­te­gien und Gover­nance­il­lu­sio­nen den
Her­aus­for­de­run­gen von Gegen­wart und Zukunft stel­len zu kön­nen. Exzel­lenz hin oder her: die
Wis­sen­schaft­lich­keit ver­kommt hier zur blo­ßen Fas­sade.

Eben jene Her­aus­for­de­run­gen – von der neo­fa­schis­tisch-plan­vol­len Zer­set­zung demo­kra­ti­scher
Insti­tu­tio­nen bis hin zur wei­ter inten­si­vier­ten Plün­de­rung der Exis­tenz­grund­la­gen – wer­den von
der unter­neh­me­ri­schen Uni­ver­si­tät weder adres­siert, geschweige denn ernst genom­men.
Statt­des­sen wird die Uni­ver­si­tät im Vollum­bau mit all ihren pre­ka­ri­sier­ten Kapa­zi­tä­ten auf
abseh­bare Zeit in die unpro­duk­tive, erwart­bar das kol­le­giale Mit­ein­an­der über­stra­pa­zie­rende
Selbst­be­fas­sung ver­bannt. Und das, wäh­rend publi­kums­träch­tige Ver­laut­ba­run­gen an ande­rer
Stelle für sich in Anspruch neh­men, in Zei­ten mas­si­ver auto­ri­tä­rer Gefähr­dun­gen die Hoch­schu­len
in For­schung und Lehre als wis­sen­schaft­li­che Infra­struk­tur einer resi­li­en­ten Demo­kra­tie zu
stär­ken. Dass das Land Hes­sen, wohl­ge­merkt mit einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen
Wis­sen­schafts­mi­nis­ter, eben dies mate­ri­ell ver­un­mög­licht, wird in die Geschichte nicht nur der
Goe­the-Uni­ver­si­tät ein­ge­hen. Dass die Lei­tung der­sel­ben in die­ser dra­ma­ti­schen Situa­tion gar
nicht erst ver­sucht, in koope­ra­tiv-kol­le­gia­ler Weise fach­lich ange­mes­sene Kom­pen­sa­ti­ons- und
Gestal­tungs­stra­te­gien zu ent­wi­ckeln, es offen­kun­dig ablehnt, die eigene Uni­ver­si­tät als Ort
demo­kra­ti­scher Orga­ni­sa­tion von gesell­schaft­lich pro­duk­ti­ver Wis­sens­or­ga­ni­sa­tion zu ver­ste­hen
und zu leben, muss als kom­ple­men­tä­res, ebenso his­to­ri­sches Ver­säum­nis gewer­tet wer­den.

Füg­sa­mes Schwei­gen ist in die­ser hoch­schul­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tion für uns keine Option mehr.
Im Zusam­men­wir­ken mit allen wei­te­ren Sta­tus­grup­pen – Stu­die­ren­den, wis­sen­schaft­li­chen
Mitarbeiter:innen, admi­nis­tra­ti­vem und tech­ni­schem Per­so­nal – wol­len wir für eine Uni­ver­si­tät
ein­ste­hen, die sich an ihrem gesell­schaft­li­chen Bil­dungs- und For­schungs­auf­trag mes­sen lässt,
die Manage­ment und Gover­nance strikt in den Dienst des Orga­ni­sa­ti­ons­ziels wis­sen­schaft­lich-
inte­grier­ter Lehre und For­schung stellt, die die Arbeits­kraft ihrer Mit­glie­der nicht in immer neuen
Schlei­fen auto­ri­ta­tiv vor­ge­ge­be­ner, pro­blem­ver­ges­se­ner „Refor­men“ ver­heizt, deren intel­lek­tu­elle
Krea­ti­vi­tät und pro­fes­sio­nelle Kapa­zi­tä­ten nicht wei­ter miss­braucht und miss­ach­tet.

Wir pro­tes­tie­ren gegen die vom Land ver­ord­ne­ten Kür­zun­gen ebenso wie gegen die vom
Prä­si­dium der Goe­the-Uni­ver­si­tät erdachte, leer­for­mel­ar­tige Zer­schla­gung unse­rer bewähr­ten
Arbeits­zu­sam­men­hänge. Wir rufen die Mit­glie­der des Fach­be­reichs Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten
wie aller wei­te­ren Fach­be­rei­che der GU, ins­be­son­dere die Professor:innenschaft selbst, dazu auf,
gemein­sam für eine ange­mes­sene Bil­dungs­fi­nan­zie­rung und die Neu­ver­hand­lung des Hes­si­schen
Hoch­schul­pakts, für die Ein­heit von For­schung und Lehre sowie für eine demo­kra­ti­sche und
anti­fa­schis­ti­sche Uni­ver­si­tät zu strei­ten.

Aus dem Pro­fes­so­rium des Insti­tuts für Sozio­lo­gie der Goe­the-Uni­ver­si­tät:

Ste­phan Les­se­nich, Tho­mas Schef­fer, Bar­bara Brandl, Flo­rian Butollo, Den­nis Ever­s­berg,
Encar­na­ción Gut­iérrez Rodrí­guez, Tho­mas Lemke, Doris Schweit­zer, Fer­di­nand Sut­ter­lüty

29. Okto­ber 2026