Die AG Kritische Theorie der Kindheit veranstaltet am 5. und 6. November 2026 an der Bergischen Universität Wuppertal den Workshop „Kindheit im Zugriff der Daten. Bilder – Nationalitäten – Grenzverschiebungen“.
Maschinen rechnen längst nicht mehr nur für uns. Seit der Zäsur, die mit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30. November 2022 einherging, ist die Frage nicht nur nach der Autor*innenschaft des geschriebenen Worts, sondern auch diejenige nach dem menschlichen Denken Dauerthema im öffentlichen Diskurs: Large Language Models strukturieren zunehmend auch die Bahnen, innerhalb derer Inhalte angeeignet, Fragen gestellt und Probleme beurteilt werden. Maschinen rechnen allerdings auch schon recht lange für uns. Die Geschichte dieser Entwicklung reicht weit hinter die gegenwärtige Digitalisierung zurück. Von der Mathematisierung der Wahrnehmung über die Standardisierung des Lebensrhythmus durch die industrielle Produktion bis zur technischen Modellierung von Denkprozessen haben sich Formen der Rationalisierung herausgebildet, die nicht nur bestimmen, was wir über die Welt wissen können, sondern auch, wie wir sie wahrnehmen. Was sich berechnen lässt, erscheint als erkennbar; was sich nicht formalisieren lässt, droht unsichtbar zu werden.
Die damit einhergehende, gravierende Verschiebung vom begrifflichen Denken zu rechnerischen Verfahren der Mustererkennung verändert die Bedingungen von Erkenntnis. So hatten die identifizierenden Begriffe zwar immer schon das Besondere oder Nicht-Identische systematisch verfehlt; zugleich aber waren sie auf die begriffliche Durchdringung ihres Gegenstands hin ausgerichtet in der Anstrengung, begrifflich über die systematisch mangelhaften Begriffe hinauszusteigen. Nun aber treten Verfahren auf, die Erkenntnis durch statistische Identifikation simulieren. Dies erweist sich bereits jetzt als folgenreich für das Bild vom Menschen und seiner Natur – und damit unmittelbar auch für Vorstellungen von Kindheit und von Kindern.
Was bedeutet es, wenn das Lernen heute algorithmisch erfasst, ›Entwicklung‹ als berechenbarer Prozess vorgestellt und das Denken zunehmend durch maschinelles Schlussfolgern ersetzt werden soll? Dabei zeichnen sich eigentümliche Widersprüche ab: Während digitale Technologien Individualisierung versprechen, befördern sie zugleich die Standardisierung von Wahrnehmungs‑, Lern- und Denkprozessen. Die Homogenisierung des Denkens geht mit einer Polarisierung der Einstellungen einher; die vermeintlich immer präzisere Erfassung des Individuellen mit seiner Unterordnung unter statistische Regelmäßigkeiten. Zugleich reichen die digitalen Zugriffe auf Kindheit längst bis in den familialen und pädagogischen Alltag hinein. Digitale Plattformen strukturieren familiale Handlungsorientierungen, Kita-Apps übersetzen pädagogische Vorstellungen ›guter‹ Kindheit in Daten und Kategorien. Was als Instrument der Unterstützung, Kommunikation oder individuellen Förderung erscheint, verändert damit auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen und pädagogische Beziehungen gestaltet werden.
Im Workshop werden diese Zugriffe auf Kindheit und Kinder systematisch in ihrer historisch-systematischen und empirischen Dimension analysiert. Im Zentrum steht die Frage, wie sich das Verhältnis von Erkenntnis und Herrschaft, Individuierung und Standardisierung, Erfahrung und technischer Verfügung verändert – und welche Widersprüche und Möglichkeiten der Kritik sich darin eröffnen.
Kurzentschlossene, die nicht bis an die Wupper reisen möchten, können auch gerne digital teilnehmen. Der QR Code mit dem Zugang ist auf dem Plakat zu finden und hier der Zeitplan.