► AG Adoleszenz und Arbeit

Die Adoleszenz fasziniert SozialwissenschaftlerInnen aller Disziplinen. In ihr, so die oft implizite Vermutung, lässt sich die Zukunft der Gesellschaft wie in einer Glaskugel vorhersehen („die Jugend“ ist ja „die Zukunft“). Tatsächlich findet während der Adoleszenz ziemlich vieles in ziemlich kurzer Zeit statt: Wiedererwachen der Sexualität, Ablösung von den Eltern, Integration in Gruppen von Gleichaltrigen, Entwicklung moralischer und kognitiver Autonomie und politischen Bewusstseins. In der Adoleszenz trifft das Individuum lebensgeschichtlich nicht mehr nur vermittelt über und gepuffert von der Familie, sondern auch direkt auf Gesellschaft und Kultur: In Form der (Hoch-)Schule, der Arbeitswelt, der Jugend- bzw. subkulturen uvm. Insofern ist es durchaus berechtigt, der Adoleszenz eine biografische als auch gesellschaftliche Schlüsselstellung zuzusprechen.
Doch so wichtig die Adoleszenz ist, so schwer ist sie heute sowohl zeitlich als auch inhaltlich exakt bestimmbar. Die Diagnosen reichen von der These eines Endes der Adoleszenz (Stichwort: früher Leistungsdruck, früherer medial vermittelter Kontakt zu „Erwachsenen“-Themen, frühere Geschlechtsreife uvm.) bis zur Adoleszenz ohne Ende (Stichwort: Berufs-Jugendlichkeit, Flexibilität und Dynamik bis zum Tod, unendlicher Übergang). Einerseits erlangen die Individuen immer später die volle ökonomische Eigenverantwortlichkeit, andererseits werden ihnen latente oder explizite meritokratische Anforderungen immer früher aufgebürdet. Die biografische Passage zwischen Kindheit und Erwachsenheit hat sich entstrukturiert und entgrenzt.

Können Teenager und Twens im neuen Jahrtausend langsam und entspannt erwachsen werden oder bleiben sie depressiv und verängstigt dauerjugendlich? Emergering adulthood, waithood oder ausgebrannte Adoleszenz – das waren Fragen, die uns damals, in der Vorbereitung unseres Workshops im Rahmen der ersten GfpS-Jahrestagung 2013, beschäftigten, und die mit zur Gründung der Arbeitsgruppe und zur Wahl ihres Namens beitrugen.
Im Folgejahr beschäftigten wir uns mit dem unerwarteten Phänomen der der Rekrutierung einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Jugendlichen in Europa, besonders jungen Männern durch den „Islamischen Staat“. Wie kann so etwas passieren und was sagt es über Adoleszenz in der deutschen oder anderen europäischen Gesellschaften aus? Dieser Frage gingen wir auf der Tagung 2014 nach. Dafür sahen wir uns Propagandamaterial des IS an und versuchten uns an einer ethno-/tiefenhermeneutischen Interpretation eines Rekrutierungsvideos. Besonderen Fokus legten wir, inspiriert vom übergreifenden Tagungsthema „Generativität in der Krise“, auf das Generationenverhältnis. Wie benutzt der IS das Thema intergenerationale Beziehungen manifest in seiner Propaganda und welche latenten Versprechen werden dabei gemacht? Geht es den Jugendlichen und jungen Männern um einen radikalen Bruch mit der Generation der Väter oder um eine wie auch immer (miss-)verstandene Fortsetzung? Spielen unbewusste Weitergaben („Delegationen“) eine Rolle und wenn, welcher Art? (vgl. Christoph Schwarz’ Beitrag in Freie Assoziation 18(2)).
2015 kehrten wir zu unserer „alten“ Frage nach dem Wandel des Übergangs zurück. Diesmal konzentrierten wir uns auf die Studienfachwahl, die subjektiv zunächst als eine völlig freie Entscheidung gedacht und erlebt wird, die aber, quantitativ sozialstrukturell betrachtet, nach wie vor im hohen Maße milieuspezifisch und „gegendert“ verläuft. Durch den Anstieg an AbiturientInnen steht jedes Jahr ein größerer Teil einer Generation vor der Qual der Wahl des Studienfachs. Wir informierten uns genauer über den Wandel dieser Statuspassage und interpretierten dann gemeinsam ad hoc im Workshop Interviews mit StudienanfängerInnen. Besonders interessierte uns die biografische, also familiär und schulisch vermittelte langsame Entstehung von dem, was in der quantitativen Forschung zu einer „Entscheidung“ verkürzt dargestellt wird. Wünsche, Erwartungen, Befürchtungen, Selbsteinschätzungen, Kompromisse, elterliche bewusste, aber auch unbewusste Aufträge bilden hierbei einen komplexen Zusammenhang, der dann in einen, manchmal selbstbewusst und entschieden, sehr oft aber auch tastend und zweifelnd erlebten Wahlakt mündet.
2016 kehrt wieder eine unmittelbar politische Problematik auf den ersten Platz unseres Interesses. Rechte Demos, faschistisch motivierte Gewalt, Wahlerfolge der rechtspopulistischen Parteien, Rechtsruck des Parteienspektrums und relevanter Teile der Zivilgesellschaft konnten wir nicht übergehen. Wie spricht die Neue Rechte Jugendliche an? Welche Vorstellung von Jugend hat sie? An welche generellen oder zeittypischen Wünsche von Adoleszenten versucht sie anzuknüpfen? Als Material dient uns erneut Propagandamaterial aus dem Internet, in diesem Fall von der sog. Identitären Bewegung.

Unsere Gruppe besteht aus rund 10 Personen unterschiedlicher Generationen, wir treffen uns etwa drei Mal jährlich, um gemeinsam Texte zu lesen, empirisches Material zu sichten und gemeinsam zu interpretieren sowie den Workshop der Gruppe auf der Jahrestagung der GfpS vorzubereiten. Wir sind eine offene Gruppe, die sich über Zuwachs freut, wobei wir eine gewisse Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit voraussetzen, damit ein Dialog in Gang bleibt.
Nehmen Sie/Nehmt bei Interesse Kontakt auf: christoph.schwarz@staff.uni-marburg.de oder Lutz.Eichler@fau.de